DURCHSEUCHT EUCH!

Al_Echs über den Anti-Impf

Die ganze Welt wartet auf einen Impfstoff gegen eine neuartige hochinfektiöse Lungenkrankheit. Die ganze Welt? Nein, ein kleiner Wanderzirkus weiß sich durch Abendspaziergänge und „Hygiene-Demos“ gegen die fake news von der drohenden Durchseuchung zu wehren. Und so poppt eine neu-alte recht-linke Figur zurzeit überall da auf, wo sich mehr als zwei Irre versammeln: der Anti-Impf. Der Anti-Impf macht sich große Sorgen v.a. um die „Volksgesundheit“ wie der Düsseldorfer Heilpraktiker Thomas Stapper (aka homeopathy Stapper). In kürzester Zeit hat er über change.org fast eine halbe Millionen Unterschriften gesammelt gegen drohende „Zwangsimpfungen“ in Deutschland: „Die Demokratie ist in Gefahr!“ Und zwar seit dem 14.11.2019: Der Tag, der in die Geschichtsbücher eingehen wird als der Tag, an dem der Deutsche Bundestag beschlossen hat, die Impfpflicht wieder einzuführen (Masernschutzpflicht). Kurze Zeit später - ist die Seuche da! Der Anti-Impf schmunzelt: Jetzt wissen wir, warum es die Regierung so eilig hatte mit diesem Gesetz. Erst impfen sie Kinder gegen eine harmlose Kinderkrankheit, dann die gesamte Bevölkerung gegen eine leichte Grippe. Und so findet man den Anti-Impf an vorderster Front bei den Protesten gegen die Corona-Schutzmaßnahmen. Denn er weiß, was sie im Schilde führen: Zwangsimpfungen. Sign my petition!

Da ohne Dritte-Reich-Vergleich heute kaum Aufmerksamkeit zu erregen ist, wird gleich zu Beginn suggeriert, die Impfpflicht sei v.a. eine Nazi-Initiative gewesen. Dabei ist das „Reichsimpfgesetz“ (gegen Pocken) schon von 1874. Dagegen gab es besonders in der DDR eine gesetzliche Impfpflicht - ob das in einem ursächlichen Zusammenhang steht mit den signifikant geringeren Covid-19-Infektionszahlen in Ost-Deutschland ist bislang ungeklärt. Schon bald fragt man sich, wovon die Rede ist – von Masern oder Corona? So wird von Masern behauptet, sie seien "wenn sie richtig behandelt werden" vollkommen harmlos. Der medizinische Laie fragt sich, welche Art von Behandlung da wohl gemeint sein kann, da Masern nur symptomatisch behandelbar sind - davon 37% der gemeldeten Fälle in Krankenhäusern. Nun lag in Deutschland die Durchimpfung gegen Masern mal bei ca. 92% - zurzeit jedoch nur noch bei 73,9%. Dieser Rückgang ist dem Wirken des Anti-Impfs zu verdanken, zu dessen Followern auch viele upper-middle-class Families gehören. Damit wird der Anti-Impf zum Problem für die Public Health: Masernerkrankung führen oft zu einer Immunsuppression, d.h. das Immunsystem ist auf Monate, oft Jahre schwer beeinträchtigt, was wiederum bakterielle Infektionen begünstigt, die zu Bronchitis, Pneumonie und Laryngitis (Masernkrupp) führen können. Eine andere schwere Komplikation ist die Masern-Enzephalitis (Gehirnentzündung) bei der die Sterblichkeit je nach Form zwischen 10-85% liegt. Epidemien können die Folge sein, wie letztes Jahr im Kongo, wo 5000 Menschen gestorben, davon 90% Kinder.

Gegen Ende der Petition wird dann noch ein Zusammenhang konstruiert zwischen dem Aufkommen antibiotikaresistenter Keime und der Masernschutzimpfung, der unklar bleibt – und bleiben muss, da Viren nicht mit Antibiotika behandelt werden. Doch wen kümmern Fakten, wenn es um die „Volksgesundheit“ geht. Denn „Volksgesundheit“ ist – anders als Public Health – ein Phantasma aus der Vergangenheit. Der Anti-Impf ist ein Zeitreisender aus dem späten 19. Jahrhundert. Schon der von Friedrich Engels wenig gelittene Eugen Dühring hat gegen das Impfen gewettert. Er vermutete hinter den Impfkampagnen eine Lobby jüdischer Ärzte (vgl. Jungle World 18/20: Wenn die ganze Korona protestiert). Das mag überraschen, doch hinter der Idee der „Herdenimmunität“ steckt ein alter Bekannter: der Sozialdarwinismus. Dieses ideologische Versatzstück aus der schlechten alten Zeit erlebt schon eine Weile ein erstaunliches Comeback als Brückenkopf zwischen abgerocktem Neoliberalismus und aufgepeppten Neofaschismus. Was er verspricht ist eine rasche Rückkehr in den „Naturzustand“. Aber wo hat es einen solchen allgemeinen Kriegszustand jemals gegeben – außer in den Kolonien? Im „Herz der Finsternis“ begegnet der weiße Mann schließlich sich selbst – lustvoll wartet er auf den „Bumerang“, die Rückkehr der Gewalt, die er entfesselt hat. Und so ist auch kein Zufall, dass der Wiedergänger von Commander Kurtz in den Dschungeln von Vietnam in Francis Ford Coppolas „Apocalypse Now“ von der „Grausamkeit“ seiner Gegner schwärmt: Nachdem eine UN-Truppe die Kinder eines Dorfes geimpft hatte, waren sie zurückgekehrt und hatten ihnen die Arme abgehackt und auf einen Haufen geschichtet.

Vor nicht allzu langer Zeit schwärmte Slavoj Zizek von dieser Szene. Der Gedanke der Guerilla sei absolut richtig: Das Böse sei das getarnte Gute. Und schon Heiner Müller hatte orakelt, dass nicht etwa „das Böse“ nach Auschwitz geführt, sondern „das Gute“. Seit der sog. „Gutmensch“ nicht nur eine Hassfigur für extreme Rechte, sondern auch für linke Rechte geworden ist, können solche Entgleisungen ebenso wenig überraschen wie Frank Castorfs Sympathie-Bekundung für Donald Trumps Verhalten in der Corona-Krise. Nun hat Covid-19 innerhalb von nur drei Monaten tödlichere Folgen für die US-Gesellschaft gezeitigt als der Vietnamkrieg innerhalb von 5 Jahren: der Death Toll zwischen Februar und April übertraf Ende April den Body Count des gesamten Krieges (1964-1973): 58.355 im Gegensatz zu 58.220 (aktuell sind die USA bei über 70.000). Selbst der Trump-Impersonator Boris Johnson ist nach seiner Covid-Erkrankung von der Idee der „Herdenimmunität“ geheilt. Trump dagegen treibt sein Land weiter in den Untergang, dass bekannte US-Publizisten wie George Packer von den USA mittlerweile als „Failed State“ sprechen: Trump nutzt die täglichen Press Briefings als Ersatz für die Massenkundgebungen, auf die er momentan verzichten muss und ruft seine Anhänger dabei dazu auf, bewaffnet die Regierungssitze jener Gouverneure zu besetzen, die Kontaktbeschränkungen verordnet haben. Neben maskierten Milizionären sind auch friedliche Demonstrant*innen darunter, die Schilder in die Höhe halten mit Aufschriften wie „Arbeit macht frei!“ (Re-Open Illinois Ralley gegen die stay-at-home order am 1. Mai): „Give me liberty or give me death?“ Why choose one if you can have both at the same time? Längst ist deutlich geworden, dass hinter dem libertären Pathos der extremen Rechten nicht nur Sadismus steckt, sondern ein politischer Todestrieb: „Es lebe der Tod!“ hieß die Parole der spanischen Falangisten.

ViVA CORONA!

NoEchsX über Echtzeit Echsismus